Taufbuch von Hinwil
Das Taufbuch von Hinwil von 1525 ist das älteste Taufregister einer reformierten Kirche und somit ein bedeutendes Dokument der europäischen Reformationsgeschichte.
Entstehung
Die 1520er-Jahre sind im Zürcher Herrschaftsgebiet von den theologisch, liturgischen und soziokulturellen Umbrüchen der Reformation unter Antistes Huldrych Zwingli geprägt. An der Kirche Hinwil wirkt ab 1521 der reformatorisch gesinnte Pfarrer Johannes Brennwald. 1525 spitzen sich in Hinwil und in der Region die Täuferunruhen zu: Die radikalen Täufer fordern unter Berufung auf die Bibel die Erwachsenentaufe und vertreten teilweise sozialrevolutionäre Anliegen. Brennwald ist zwar ein Gegner der Leibeigenschaft und charismatischer prediger, unterstützt aber diese von der Obrigkeit so genannten «Anabaptisten» (Wiedertäufer) und ihre Lehren nicht.[1]
Im Mai 1525, noch vor dem Beschluss des Zürcher Rats, legt Brennwald ein Taufregister an, das alle Taufen systematisch dokumentiert. Dies ist nicht nur Ausdruck eines verstärkten herrschaftlichen Kontroll- und Verwaltungswillens am Beginn der Frühen Neuzeit, sondern dürfte auch bezwecken, erneute Taufen von Erwachsenen im Geist der Täuferbewegung zu verhindern. Ferner bezeugt die namentliche Erfassung den Bedeutungszuwachs des Individuums im Kontext der Frühen Neuzeit.[2] Ab dem 3. Juli 1525 sind die Hinwiler Taufen und später auch Eheschliessungen systematisch registriert. Damit ist das Taufbuch von Hinwil das älteste Taufregister einer reformierten Kirche.[3][4]
Das Dokument
Im Buch sind zuvorderst gedruckte Mandate des Bürgermeisters und des Kleinen und Grossen Rates der Stadt Zürich, seit der Reformation de facto die kirchliche Obrigkeit[5], vom 9. Oktober 1529, 12. Juli 1539 und 9. September 1531 eingebunden.
Danach folgen die handschriftlichen Aufzeichnungen in deutscher Kurrentschrift von der Hand Pfarrer Johannes Brennwalds und seiner Nachfolger über die Taufen. Der einleitende Abschnitt lautet transkribiert wie folgt:
Hier nachfolgende die namen aller Kinder so getoufft sind auch irer Vatter und Mütter und deren so sie gehaben hand nach ordnung unnd erkandtnuss eines ersamen Raths der Statt Zürich unser gnädigen Herren verkündt offenlich in dieser Kilchen zu Hinwyl uff Sontag nach sanct Jacobs tag durch Johansen Bränwald zur zyt Pffarherr im jar do man zalt 1525[6]
Am Montag vor St. Ulrichstag, dem 3. Juli 1525, wird die erste Taufe erfasst. Es folgen Einträge mit einigen Jahren Unterbruch bis zum letzten Eintrag am 10. Oktober 1737.[7] Bemerkenswert ist, dass nicht nur die Namen des Täuflings und des Vaters, sondern auch der Mutter genannt werden – eine Praxis, die in anderen Taufbüchern erst später üblich wird.[8]
Von 1537 bis 1737 sind neben den Taufen auch alle Eheschliessungen erfasst, mit Lücken in den Jahren 1632–1634 und 1726–1730. Vereinzelt werden spezielle Ehefälle festgehalten, so 1683 die Hochzeit eines Paars aus Wattwil, 1683 und 1685 die Trauung infolge von Schwangerschaft. 1707 wird ein Gerichtsstreit über eine Ehe mit grossem Altersunterschied verzeichnet, die der Stillstand (heute Kirchenpflege) aufheben will, das Ehegericht aber für gültig erklärt. 1599 sind ausserdem verschiedene teils lästerliche Kommentare von Pfarrer Hans Ulrich Stolz über seine Amtsvorgänger sowie die Wahl seines Nachfolgers Johann Heinrich Zingg festgehalten.[9]
Das Dokument wird heute im Staatsarchiv Zürich verwahrt (Signatur: STAZH E III 52.1).[10]
Literatur
- Brühlmeier, Markus: Hinwil. Alltag, Wirtschaft und soziales Leben von 745 bis 1995, Wetzikon 1995, S. 53–60.
- Sierszyn, Armin: Zur Täuferbewegung im Grüninger Amt, in: Zwingliana 34, 2007, S. 37–60.
- Stucki, Heinzpeter: Über die Anfänge der Zürcher Pfarrbücher. Datierung – Reinschrift – Vorbilder, in: Zwinglis Zürich, Zürich 1984, S. 51–59.
- Welti, Erika: Taufbräuche im Kanton Zürich. Eine Studie über ihre Entwicklung bei Angehörigen der Landeskirche seit der Reformation. Zürich 1967.
Einzelnachweise
- ↑ Markus Brühlmeier: Hinwil. Alltag, Wirtschaft und soziales Leben von 745 bis 1995, Wetzikon 1995, S. 58.
- ↑ Brühlmeier, Markus: Hinwil. Alltag, Wirtschaft und soziales Leben von 745 bis 1995, Wetzikon 1995, S. 57.
- ↑ Markus Brühlmeier: Hinwil. Alltag, Wirtschaft und soziales Leben von 745 bis 1995, Wetzikon 1995, S. 57.
- ↑ Sierszyn, Armin: Zur Täuferbewegung im Grüninger Amt, in: Zwingliana 34, 2007, S. 37–60.
- ↑ Vgl. Flückiger, Fabrice: Die Zürcher Disputationen. Theologen und Ratsherren auf dem Weg zur göttlichen Wahrheit, in: Gelebte Reformation. Zürich 1555–1800. Zürich S. 32-48.
- ↑ STAZH E III 52.1
- ↑ STAZH E III 52.1
- ↑ Brühlmeier, Markus: Hinwil. Alltag, Wirtschaft und soziales Leben von 745 bis 1995, Wetzikon 1995, S. 58.
- ↑ STAZH E III 52.1
- ↑ STAZH E III 52.1 (Link zum Regest: Staatsarchiv Zürich, Stand 24.07.2026)